Aufstieg, Verbrechen und „zweite Geschichte“
Die Geschichte des Nationalsozialismus in Schleswig-Holstein fällt in vergleichender Perspektive besonders durch zwei Aspekte auf: zum einen ist hier die besondere Rolle der preußischen Provinz Schleswig-Holstein beim Aufstieg der NSDAP zu nennen, zum anderen die Situation am Kriegsende und nach 1945. Aufstieg, Herrschaft und Verbrechen, Kriegsende und Nachgeschichte werden im Folgenden knapp beschrieben, auch mit Blick auf heute aktive Gedenk- und Bildungsorte.


Kultur- und Gedenkstätte Ehemalige Synagoge Friedrichstadt (Foto: Henrik Matzen)


geSCHICHTENberg Itzehoe (Foto: Dr. Harald Schmid)
Aufstieg
Die nationalsozialistische Bewegung konnte sich in Schleswig-Holstein früh und dauerhaft etablieren. Bereits 1925 wurde in Neumünster der Gau gegründet, der unter der Leitung von Hinrich Lohse bald als „Mustergau “ galt. Maßgeblich hierfür war eine Bündnispolitik: regional mit der radikalen Protestbewegung der Landvolkbewegung und reichsweit mit konservativ-völkischen Kräften.
Hinzu kamen Wahlerfolge: Schon 1924 hatten die Republikgegner*innen in Schleswig-Holstein die Mehrheit hinter sich und im Rahmen des Aufstiegs der NSDAP bei Reichstags- und Landtagswahlen fiel die Zustimmung in Schleswig-Holstein besonders deutlich aus: Bei der Reichstagswahl am 14. September 1930 erzielte die Partei in der Provinz Schleswig-Holstein mit 27 Prozent der Stimmen ihr bestes Ergebnis in den 35 Wahlkreisen des Reichs. In der Reichstagswahl am 31. Juli 1932 erzielte Hitlers Partei in Schleswig-Holstein 51,1 Prozent – wiederum das reichsweit höchste NSDAP-Ergebnis.
Überdies war der Aufstieg der NSDAP in Schleswig-Holstein von massiver politischer Gewalt begleitet. Insbesondere die Agrarrevolte mit Bombenattentaten und gewalttätigen Auseinandersetzungen sticht dabei hervor, etwa die „Blutnacht von Wöhrden “ am 7. März 1929 mit drei Toten und 30 Verletzten und der „Altonaer Blutsonntag “ am 17. Juli 1932 mit 18 Toten und Dutzenden Verletzten, ebenso antijüdische Gewalt wie der Anschlag auf die Kieler Synagoge am 3. August 1932 sowie die Morde an den jüdischen Rechtsanwälten Friedrich Schumm und Wilhelm Spiegel in Kiel am 12. März und 1. April 1933.
Geschichte
So kam Schleswig-Holstein bei dem Weg in die „Volksgemeinschafts “-Diktatur keine nachgeordnete Rolle zu. Der schrittweise entfaltete totale Machtanspruch und die reichsweite gewaltsame Durchsetzung nationalsozialistischer Macht lösten nicht nur eine massive Fluchtbewegung aus Deutschland aus, sondern führten auch zu gefüllten Gefängnissen und Konzentrationslagern, zu Folter und Mord und zur Schein-Legalisierung des Unrechts.
In Schleswig-Holstein können einzelne historische Orte diese Geschichte der gewaltsamen „Gleichschaltung“ erzählen: wie die auf ein frühes ostholsteinisches KZ des Jahres 1933 zurückgehende Gedenkstätte Ahrensbök, ebenso wie die KZ-Gedenkstätte Wittmoor und der Gedenkort Rickling. Andere Orte wie das Jüdische Museum in Rendsburg und die Kultur- und Gedenkstätte Ehemalige Synagoge in Friedrichstadt dokumentieren den regionalen Antisemitismus gegen Schleswig-Holsteins jüdische Bevölkerung.
Und wieder andere wie der Historische Lernort Neulandhalle und der GeSCHICHTENberg Itzehoe informieren über die „Volksgemeinschafts “-Ideologie und NS-Propaganda.
Das Thema Widerstand steht an den Gedenkstätten Lutherkirche und Lübecker Märtyrer im Mittelpunkt der Bildungsarbeit, während die „Euthanasie“-Morde im Gedenkort KZ Rickling vergegenwärtigt werden.
Um Zwangsarbeit im Kontext des Zweiten Weltkriegs geht es besonders in der Gedenkstätte Henri-Goldstein-Haus in Quickborn und der KZ-Gedenkstätte Wittmoor sowie an den Gedenkorten Rickling und „Arbeitserziehungslager Nordmark“ in Kiel. Zwangsarbeit speziell für Rüstungsprojekte wird dokumentiert in den KZ-Gedenkstäten Husum-Schwesing, Kaltenkirchen, Ladelund. Besondere Rüstungsorte des NS-Regimes sind auch mit dem Flandernbunker und dem Informations- und Dokumentationszentrum Marineartilleriearsenal in Wahlstedt verbunden. Bildungsorte zur Erinnerung an den rassistischen Umgang des Regimes mit sowjetischen und jüdischen Kriegsgefangenen sind die Gedenkstätte Gudendorf und die Gedenkstätte Henri-Goldstein-Haus in Quickborn.
Wie verheerend sich die Endphase des Zweiten Weltkriegs auf die KZ-Häftlinge auswirkte, kann man etwa in den nordfriesischen Gedenkstätten in Schwesing und Ladelund sowie an den ostholsteinischen Gedenkorten in Ahrensbök (Todesmarsch) und Neustadt in Holstein („Cap Arcona“-Katastrophe) erfahren.
Dass sich Schleswig-Holstein in den letzten Kriegswochen als eines der letzten unbesetzten Gebiete zu einem zentralen Rückzugsort für die verbliebene NS-Führung und Teile der Wehrmacht entwickelte („Rattenlinie Nord“), hatte zur Folge, dass die letzte Reichsregierung unter Karl Dönitz zusammen mit dem Oberkommando der Wehrmacht vom 3. bis 23. Mai 1945 ihren Sitz in Flensburg-Mürwik nahm und viele NS-Verbrecher*innen nach Schleswig-Holstein flüchteten. An diese für die NS-Geschichte markante Entwicklung erinnert bislang kein spezifischer Lernort.


Gedenkstätte Lutherkirche in Lübeck (Foto: Henrik Matzen)


Museum Cap Arcona in Neustadt in Holstein (Foto: Henrik Matzen)
Nachgeschichte
Nach einer kurzen Phase der Aufklärung, Entnazifizierung und strafrechtlichen Aufarbeitung war Schleswig-Holstein bis in die 1970er-Jahre hinein von geschichtspolitischen Skandalen insbesondere um personelle Kontinuitäten geprägt. „Renazifizierung“ und „Heyde-Sawade-Affäre“ sind nur die bekanntesten Schlagwörter dieser Entwicklung. Erst später im Zuge der gesellschaftlichen Veränderungen und des Generationenwechsels öffnete sich die Geschichtskultur des Landes langsam zu einem kritischen und pluralen Umgang mit den NS-Verbrechen. Dies hatte eine vielfältige Belebung und Verbreiterung wissenschaftlicher, zivilgesellschaftlicher und letztlich auch staatlicher Aktivitäten zur Auseinandersetzung mit der regionalen Geschichte des „Dritten Reiches“ zur Folge.
In einer ersten Phase entstanden zwischen 1946 und 1950 Gedenkorte für Opfer der NS-Verfolgung: in Itzehoe (Mahnmal für die Opfer des Naziregimes, 1946), in Gudendorf (Denkmal für die sowjetischen Opfer des Kriegsgefangenenlagers, 1946, erweitert zur größeren Gedenkstätte 1962), in Neustadt in Holstein (Ehrenfriedhof für die Opfer der „Cap Arcona“-Katastrophe, 1948), in Ladelund (Gedenkort für die Opfer des vormaligen Außenlagers des KZ Neuengamme, 1950).
Eine durchgreifende Änderung setzte erst seit den späten 1970er-Jahren ein, als sich bundesweit eine neue Phase des offeneren und kritischeren Umgangs mit der NS-Zeit entwickelte. In Schleswig-Holstein schlug sich dieser Umbruch in einer öffentlichkeitswirksamen juristischen Aufarbeitung (Asche-Prozess in Kiel, 1980/81) nieder, in ersten wichtigen lokalhistorischen Studien etwa von Gerhard Hoch und der Arbeitsgruppe zur Erforschung der nordfriesischen Konzentrationslager, in Debatten um den 50. Jahrestag der NS-Machtübernahme, ebenfalls 1983 mit der Gründung des Arbeitskreises zur Erforschung des Nationalsozialismus in Schleswig-Holstein (AKENS), der erinnerungskulturellen Aktivität zivilgesellschaftlicher Initiativen wie in Gudendorf seit 1983, der Aktivität von „Stolperstein“-Initiativen und schrittweise mit der Schaffung und Erweiterung neuer Gedenkorte. Auch institutionell erweiterte sich das Fundament der Aufarbeitung. Zudem verbreiterte und intensivierte sich die wissenschaftliche Aufarbeitung der NS-Zeit und ihrer Verbrechen sowie der schwierigen „zweiten Geschichte“ nach 1945.
Wegmarken dieser jüngeren Etappe sind:
- 1986/87: Einweihung der KZ-Gedenkstätte Wittmoor
- 1987: Einweihung der KZ-Gedenkstätte Husum-Schwesing
- 1988: Eröffnung des Jüdischen Museums in Rendsburg
- 1990: Eröffnung der KZ-Gedenk- und Begegnungsstätte Ladelund
- 1990: Eröffnung des Museums Cap Arcona in Neustadt in Holstein
- 1990: Einweihung des Gedenkortes für die Opfer des KZ Kuhlen in Rickling
- 1992: Gründung des Instituts für schleswig-holsteinische Zeit- und Regionalforschung in Schleswig (heute: Forschungsstelle für regionale Zeitgeschichte und Public History)
- 1998: Einweihung des Mahnmals Harrislee Bahnhof
- 2000: Eröffnung der KZ-Gedenkstätte Kaltenkirchen in Springhirsch
- 2000: erste Landesgedenkstättentagung
- 2001: Eröffnung der Gedenkstätte Ahrensbök
- 2001: Beginn der Bildungsarbeit im Kieler Flandernbunker
- 2002: Gründung der Bürgerstiftung Schleswig-Holsteinische Gedenkstätten
- 2003: Einweihung des Gedenkorts „Arbeitserziehungslager Nordmark“ in Kiel
- 2003: Eröffnung der Kultur- und Gedenkstätte Ehemalige Synagoge Friedrichstadt
- 2012: Gründung der Landesarbeitsgemeinschaft Gedenkstätten und Erinnerungsorte in Schleswig-Holstein
- 2013: Eröffnung der Gedenkstätte Lübecker Märtyrer
- 2014: Eröffnung der Gedenkstätte Lutherkirche in Lübeck
- 2014: Eröffnung des Informations- und Dokumentationszentrums Marineartilleriearsenal Wahlstedt
- 2019: Einweihung des Historischen Lernorts Neulandhalle in Dieksanderkoog
- 2020: Beginn des Aufbaus des GeSCHICHTENbergs Itzehoe und der Gedenkstätte Henri-Goldstein-Haus in Quickborn
- 2022: Beginn des Aufbaus des „Cap Arcona“- Dokumentationszentrums in Neustadt in Holstein und Gründung der Arbeitsgruppe Lern- und Gedenkort im Alten Speicher, Ahrensburg
- 2026: Eröffnung der Werkstatt 20. Jahrhundert in Kiel
